Sonntag, 8. November 2026

SAK-Talk – Echter Gewaltschutz für das ganze Saarland: „Der Teller endet nicht in Saarbrücken“!

Beim SAK-Talk „Gewalt an Frauen“ diskutierten Mitte Oktober im Johannes-Foyer Saarbrücken Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Fachpraxis und Zivilgesellschaft über die geplante Umsetzung des Gewalthilfegesetzes im Saarland. Zu der Veranstaltung eingeladen hatten die Saarländische Armutskonferenz (SAK), die Rosa-Luxemburg-Stiftung, Regionalbüro Saarbrücken, die Peter-Imandt-Gesellschaft e.V., die Vereinigung der Profession Soziale Arbeit e.V. (VPSA) sowie der Deutsche Berufsverband für Soziale Arbeit (DBSH), Landesverband Saar. 

Ausführungsgesetz und Rechtsanspruch


Petra Spoo-Ludwig (Abteilungsleitung C – Jugend, Familien, Frauen und Integration im Ministerium für Arbeit, Soziales, Frauen und Gesundheit) berichtete, dass das Bundes-Gewalthilfegesetz den rechtlichen Rahmen für die Umsetzung eines einklagbaren Anspruchs auf Schutz und Unterstützung für gewaltbetroffene Frauen bis zum Jahr 2032 schafft. Das saarländische Ausführungsgesetz befindet sich derzeit in der Abstimmung im Ministerrat. Das Gesetz wurde am 20. Oktober im Ministerrat behandelt und wird am 28. Oktober 2026 in erster Lesung in den saarländischen Landtag eingebracht werden. Dem Saarland fließen im Jahr 2027 rund 1,3 Millionen Euro an Bundesmitteln zu. In den Folgejahren steigt die Summe auf 1,6 Millionen Euro (2028) und 2,3 Millionen Euro (2029).
Dr. Claudia Wiotte Franz (Landesvorsitzende des Deutschen Berufsverbandes für Soziale Arbeit e.V.), Gesine Kleen (Rosa-Luxemburg-Stiftung) und Holger Simon (Geschäftsführer des Vereins für Sozialpsychiatrie e.V. (VfS) und kooptiertes Mitglied im Vorstand der SAK-Parität) forderten barrierefreie Zugänge, den Abbau finanzieller Hürden für Frauen mit eigenem Einkommen, mobile Angebote sowie den Einbezug von Geschlechtervielfalt und sozialem Wohnungsbau als Gewaltprävention.


Frauen in Armut und Wohnungslosigkeit

Ob sich eine Frau aus einer Gewaltbeziehung lösen könne, hänge stark von ihren finanziellen Ressourcen ab, so Kleen. Sie fragte, ob das Gesetz auch Frauen erreicht, die bisher durchs Raster fallen: ohne Einkommen, ohne Leistungsanspruch, wohnungslos, psychisch erkrankt oder suchtbelastet. Offen ist die Kostenfrage: Eine Frau mit 1.000 Euro Nettoeinkommen müsste ihren Frauenhausaufenthalt derzeit selbst zahlen. Das Ministerium kündigte eine Regelung im Ausführungsgesetz an. Laut Spoo-Ludwig sei die Schaffung von sozialem Wohnungsbau ein gesamtsozialpolitisches Anliegen. Im Saarland würden hier insbesondere in den Perspektivquartieren Maßnahmen zur Verbesserung der Wohnungssituation durchgeführt. Zur Situation obdachloser, suchtbelasteter Frauen finde am 03.11.2026 im Ministerium für Arbeit, Soziales, Frauen und Gesundheit eine Fachveranstaltung zum Thema „Schutzunterbringung gewaltbetroffener Frauen mit Suchterkrankungen“ mit Minister Dr. Magnus Jung statt. Im Austausch sollen Wege und Rahmenbedingungen für eine bedarfsgerechte Versorgung im Saarland erörtert werden, fügte sie weiter aus.


Leitplanken der SAK

In seinem zusammenfassenden Resümee formulierte Michael Leinenbach vier zentrale Leitplanken für den weiteren Prozess:

1. Fürsorge vs. Selbstvertretung: Es reicht nicht aus, Frauen nur fürsorglich zu verwalten. Notwendig ist der Aufbau eigener Selbstvertretungs- und Lobby-Strukturen für Betroffene auf Augenhöhe.
2. Mehrfachthematiken verzahnen: Wohnungslosigkeit, Sucht, psychische Gesundheit und Armut dürfen in der Hilfepraxis nicht länger in isolierte Zuständigkeiten getrennt werden.
3. Transparenz und Beteiligung: Die SAK war bei der bisherigen Bedarfsanalyse des Ministeriums nicht beteiligt. Leinenbach fordert eine systematische Einbindung der Armutsbekämpfungs-Akteure im Entwicklungsplan.
4. Dezentraler „Saarblick“: Gewaltschutz darf sich nicht auf Saarbrücken verengen, sondern muss in allen Landkreisen (Saarpfalz, Saarlouis, Neunkirchen, Merzig-Wadern) verankert werden.
„Der Teller endet nicht in Saarbrücken“ so  Michael Leinenbach

Das Sozialministerium sagte zu, den Dialog zum Ausführungsgesetz fortzusetzen. Ein Folge-Talk zur Überprüfung der Umsetzungsschritte ist für Herbst 2027 vereinbart.

 

Autor: Sven Mohr
Fotos: Michael Sperlich / Jasmin Kiefer 

Web: hier

Zentralveranstaltung der Saarländischen Armutskonferenz – Der Mensch im Mittelpunkt sozialer Politik

 Wie kann Armut wirksam bekämpft werden und welche politischen Weichenstellungen braucht das Saarland in Zukunft? Mit diesen Fragen beschäftigte sich die Zentralveranstaltung der Saarländischen Armutskonferenz e. V. (SAK), die am 19. Oktober 2026 anlässlich des „Internationalen Tages zur Beseitigung der Armut“ im Filmhaus Saarbrücken stattfand. Die SAK hatte hierzu im Vorfeld Vertretungen aller Gebietskörperschaften des Saarlandes eingeladen. Vertretungen aus Politik, Verwaltung, sozialen Einrichtungen sowie Menschen aus der Zivilbevölkerung nutzten die Veranstaltung für den Austausch über aktuelle soziale Herausforderungen und notwendige Maßnahmen zur Armutsbekämpfung im Saarland. 

Zu Beginn der Veranstaltung begrüßte der Vorsitzende der SAK, Michael Leinenbach, die Gäste und gab einen Überblick über die Arbeitsschwerpunkte der Konferenz im Jahr 2026. Im Namen der SAK sprach er dem Ministerium für Arbeit, Soziales, Frauen und Gesundheit des Saarlandes seinen ausdrücklichen Dank aus. Dessen Unterstützung ermögliche die Arbeit der Geschäftsstelle der SAK, sowie das Teilhabeprojekt „SAK nah dran – Labor für das Saarland“ zur Förderung von Teilhabe und Selbstvertretung. Ein besonderer Dank galt darüber hinaus der Landeshauptstadt Saarbrücken für ihre langjährige und verlässliche Unterstützung der Arbeit der Saarländischen Armutskonferenz.

In seinem Rückblick hob Michael Leinenbach die zentralen Schwerpunktthemen und Handlungsfelder des Jahres 2026 hervor. Inhaltlich deckt die SAK ein breites Spektrum ab – von Gesundheit, sozialem Wohnungsbau, öffentlichem Personennahverkehr sowie Energie und Versorgung über soziale Sicherung und Bildung bis hin zur Situation älterer Menschen. Durch intensive politische Lobbyarbeit, Stellungnahmen, offene Briefe und Gespräche mit demokratischen Parteien in Saarbrücken sowie im saarländischen Landtag verlieh die SAK von Armut betroffenen Menschen eine Stimme. Zudem hat die SAK drei Ansprechpersonen für die Quartiere des Landes benannt. Darüber hinaus bringt sich die Konferenz mit eigenen Delegationen aktiv in maßgebliche Gremien ein – wie etwa in den Beirat für Armutsbekämpfung der Landesregierung, in die Energiesicherungsstelle sowie in den Aktionskreis Kindergeld und Sozialhilfe (AKKS). Darüber hinaus engagierte sich die Konferenz bundesweit in der Nationalen Armutskonferenz (NAK), in der BAG der Landesarmutskonferenzen mit Schwerpunkt Südwesten sowie beim Armutsgipfel in Berlin. Darüber hinaus bot sie mit dem SAK-Forum, dem SAK-Talk und verschiedenen Kooperationsprojekten, unter anderem mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung, eigene Bildungs- und Veranstaltungsformate an.

Auf dem Podium der Zentralveranstaltung diskutierten neben Vertretungen aus Politik und Verwaltung auch Mitglieder des Vorstandes der SAK. Die Staatssekretärin im saarländischen Sozialministerium, Bettina Altesleben, sowie der Beigeordnete der Landeshauptstadt Saarbrücken, Tobias Raab, verdeutlichten die Notwendigkeit einer ressort- und ebenenübergreifenden Zusammenarbeit bei der Armutsbekämpfung. Raab betonte die gute Zusammenarbeit mit der SAK und unterstrich, dass digitale Angebote persönliche Kontakte und menschliche Unterstützung niemals ersetzen dürfen. Altesleben hob hervor, dass Armut an ihren Ursachen bekämpft werden müsse, und verwies auf die Bedeutung und Erfolge quartiersbezogener Armutsarbeit.

Beide sagten zu, die im Rahmen der Veranstaltung geäußerten Kritikpunkte, Sorgen und Schilderungen zu administrativen Hürden in ihren jeweiligen Zuständigkeitsbereichen aufzugreifen und nachzuverfolgen.

Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussion war das konsequente Vorgehen gegen Schrottimmobilien. Hierfür stelle das Land einen zweistelligen Millionenbetrag bereit, um gemeinsam mit den Kommunen menschenwürdige Wohnverhältnisse sicherzustellen. Ergänzend wurde auf dem Podium die besorgniserregende Wohngeldsituation thematisiert. Kürzungen oder Verzögerungen bei Sozialleistungen würden Betroffene unmittelbar in Verschuldung, Grundsicherung oder sogar den Verlust ihrer Wohnung drängen.



Auch Teilnehmende des Teilhabeprojekts „SAK nah dran – Raum Saarbrücken“ sowie weitere Menschen mit Armutserfahrung kamen an diesem Abend zu Wort, ganz im Sinne des Leitgedankens „Miteinander statt übereinander sprechen“.

Ein zentraler Schwerpunkt der Diskussionsrunde war zudem die Kritik an der fortschreitenden Digitalisierung von Verwaltungsprozessen. Christine Steimer aus dem SAK-Leitungsteam stellte eine Ausarbeitung der Arbeitsgruppe „Soziale Sicherung“ sowie des „Aktionskreises Kindergeld und Sozialhilfe“ (AKKS) vor. Sie warnte davor, dass eine bedingungslose Digitalisierung von Behörden, beispielsweise in Jobcentern, soziale Spaltungen verschärfen und neue Hürden schaffen könne. Wenn Verwaltungsvorgänge analog kaum noch erreichbar seien, führe dies bei hilfesuchenden Menschen häufig zu Verunsicherung und Verzweiflung. Verwaltung müsse auch künftig ein Ort der persönlichen Begegnung bleiben und den Menschen in den Mittelpunkt stellen – ein Anliegen, das der stellvertretende Vorsitzende Christoph Jacob mit den Worten „Dem Menschen muss geholfen werden“ bekräftigte.

Als konkretes Ergebnis der Diskussion wurde die Durchführung einer zentralen Dialogveranstaltung mit den Jobcentern im Jahr 2027 angeregt. Gemeinsam mit dem Aktionskreis Kindergeld und Sozialhilfe (AKKS) und der Landeshauptstadt Saarbrücken will die SAK die angesprochenen Herausforderungen direkt mit den Verantwortlichen besprechen.

Im Rahmen eines Pressegesprächs stellte die SAK zudem erstmals ihre Wahlprüfsteine zur saarländischen Landtagswahl im April 2027 der Öffentlichkeit vor. Mit den insgesamt elf ausgearbeiteten Wahlprüfsteinen möchte die SAK von den zur Landtagswahl antretenden demokratischen Parteien eine klare Positionierung zur Armutsbekämpfung einfordern. Die Themenbereiche decken dabei ein breites Spektrum ab. Im Fokus stehen unter anderem die sozialen Auswirkungen von Energie- und Lebenshaltungskosten, die Folgen des Klimawandels und die Wohnungsnot, der Schutz und die Entlastung von Familien und Kindern, die Stärkung sozialer Beratungs- und Mitwirkungsangebote sowie Fragen der gesundheitlichen Versorgung und Mobilität im Saarland. Ein zentrales Anliegen ist es, dass die demokratischen Parteien Menschen mit Armutshintergrund stärker in Entscheidungsprozesse einbinden.

Unter anderem greift die SAK in den Wahlprüfsteinen die konkrete Forderung nach einer Änderung des Kommunalen Selbstverwaltungsgesetzes (KSVG) auf Landesebene auf. Während das KSVG bereits Beteiligungsstrukturen für verschiedene gesellschaftliche Gruppen vorsieht, fehlt eine verbindliche Einbindung von Menschen mit Armutserfahrung bislang.

Im Interview mit dem Saarländischen Rundfunk (SR) betonte der Leinenbach an anlässlich der Veranstaltung im Filmhaus hierzu: „Wir haben im Moment im Kommunalen Selbstverwaltungsgesetz ja schon viele Gruppierungen, die in Planungen und Entscheidungsprozesse mit eingebunden werden sollen. Jedoch fehlt komplett die Einbindung der Menschen mit Armutserfahrung. Ich denke, das ist ein großer Prozess zu sagen: Wir binden jetzt auch diese Gruppe mit in die Entscheidungen ein.“

Ziel der Wahlprüfsteine soll es laut SAK sein, allen demokratischen Parteien ausreichend Zeit zu geben, diese mit ihren Wahlprogrammen abzugleichen und zentrale sozialpolitische Positionen transparent zu gestalten. Damit unterstreicht die SAK ihren Anspruch, Armutspolitik als gesamtgesellschaftliche Aufgabe sichtbar zu machen und politische Verantwortung klar einzufordern.


Zum Abschluss betonte der Vorsitzende Michael Leinenbach erneut die Haltung der SAK, den Begriff „Mensch“ in den Mittelpunkt zu stellen und Betroffene nicht als „Kunden“ oder „Klienten“ zu bezeichnen.

Abgerundet wurde der Abend durch die Vorführung der ZDF-Dokumentation „37°: Vererbte Armut – Kindheit mit wenig Geld“, die die Vielschichtigkeit und Dringlichkeit der Armutsbekämpfung eindrucksvoll veranschaulichte.

 

Autor und Fotos: Sven Mohr

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